Berufsunfähigkeitsversicherung ohne Gesundheitsfragen – Märchen oder Realität?

Mann im Büro hat Rückenschmerzen

Viele Kunden haben vor Vertragsabschluss gesundheitliche Probleme

Das Dilemma: Diejenigen, die den Versicherungsschutz vermutlich am meisten brauchen, erhalten ihn nicht. Psychische Erkrankungen sind häufiger eine Ursache für eine Berufsunfähigkeit als körperliche Einschränkungen. Wer sich jedoch schon einer Psychotherapie unterzogen hat, wird von den Versicherern abgewiesen. Deshalb sehnen sich viele Verbraucher nach einer Berufsunfähigkeitsversicherung ohne Gesundheitsfragen.

Doch gibt es so etwas überhaupt oder ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung ohne Gesundheitsprüfung ein Mythos? Ganz ohne Gesundheitsfragen kommt eine Versicherung zur Berufsunfähigkeit nie aus. Doch es gibt vereinfachte Gesundheitsprüfungen sowie alternative Versicherungen – allerdings müssen in beiden Fällen Leistungseinschränkungen in Kauf genommen werden. Doch damit ist der Verbraucher immer noch allemal besser geschützt als ohne Versicherung.

Wie sehen die BU Gesundheitsfragen aus?

Zunächst einmal soll der „normale“ Ablauf einer Berufsunfähigkeitsversicherung erläutert werden. Dabei ist wichtig, dass sich die Gesundheitsfragen von Unternehmen zu Unternehmen unterscheiden. Außer Angaben zu den allgemeinen Lebensgewohnheiten sind vor allem Fragen zu Vorerkrankungen zu beantworten.

Seit der Einführung eines neuen Versicherungvertragsgesetzes müssen sich die Berufsunfähigkeitsversicherungen präziser erkundigen, so dürfen etwa keine offenen, sondern lediglich noch geschlossene Fragen gestellt werden.

Die Gesundheitsprüfung umfasst meistens die Vorerkrankungen der letzten fünf Jahre, dazu müssen in der Regel Aufenthalte im Krankenhaus sowie chronische Erkrankungen der letzten 10 Jahre genannt werden. Zudem muss der Kunde seine Größe und Gewicht und Risiko-Faktoren angeben. Dazu zählt, ob er Raucher ist oder ob er vermeintlich gefährliche Hobbys wie etwa Bergsteigen betreibt. Neben dem Fragenkatalog kann der Gesundheitszustand auch über Untersuchungen und ärztliche Atteste ermittelt werden. Achten Sie als Kunde darauf, dass Sie keine noch so kleine Erkrankung bei den Angaben auslassen.

Auch das Auslassen sogenannter Bagatellerkrankungen wie beispielsweise ein grippaler Infekt kann sich später negativ für Sie auswirken. Denn nur mit einer wahrheitsgemäßen Beantwortung der Gesundheitsfragen erhalten Sie im Schadensfall auch die entsprechende Leistung. Sollte sich eine Ihrer Angaben als falsch herausstellen oder verschweigen Sie eine Krankheit, entfällt zumeist der komplette Versicherungsschutz – auch wenn eine spätere Berufsunfähigkeit gar nicht durch die weggelassene Komponente verursacht wurde.

Wozu sind Gesundheitsfragen für den Versicherer wichtig?

Fragenkatalog zur Berufsunfähigkeit

Versicherungen wollen möglichst genau den Gesundheitszustand erfahren

Anhand des Berufes, des Alters und des Fragenkatalogs kann der Versicherer kalkulieren, ob das Risiko eines Schadenfalls groß oder eher kleiner ausfällt. Bei einer großen Krankheitsakte des Antragstellers kann die Versicherung nun den Antrag ablehnen, einzelne Risikofaktoren und somit bestimmte Leistungen ausschließen oder einen finanziellen Aufschlag fordern. Das heißt jedoch nicht, dass die Versicherung jeden Antragsteller nach Lust und Laune ablehnen kann.

So sieht es das Gesetz beispielsweise explizit vor, dass auch Behinderte einen Anspruch auf eine Berufunfähigkeitsversicherung haben. Fällt die Gesundheitsprüfung gut aus, warten auf den Kunden gegebennenfalls zusätzliche Prämien.Die Gesundheitsfragen stellen für den Versicherer eine Absicherung dar.

Seien Sie sich deshalb klar: Wieso sollte der Versicherer freiwillig auf eine solche Absicherung verzichten? Seien Sie kritisch bei Angeboten, die nur allzu verlockend und marktschreierisch erscheinen. Handelt es sich wirklich um ein gutes Angebot oder eher um eine Betrugsmasche, um die Verzweiflung von abgewiesenen Antragstellern auszunutzen?

Gibt es eine Berufsunfähigkeit ohne Gesundheitsfragen?

Eine Berufsunfähigkeit ohne Gesundheitsfragen ist ein Mythos. Mit einer Ausnahme: Sie können Ihre bereits bestehende Berufsunfähigkeit ohne Gesundheitsfragen ändern. Enthält Ihr Kontrakt eine sogenannte Nachversicherungsgarantie, kann er ohne eine weitere Gesundheitsprüfung geändert werden. Diese Klausel tritt etwa bei einer Vermählung oder einem neuen Arbeitsplatz in Kraft. In diesem Fall können Sie Ihre Rente ohne eine erneute Gesundheitsprüfung erhöhen. Eine solche Vereinbarung ist längst nicht in allen Verträgen enthalten, sie ist aus Verbrauchersicht allerdings sehr zu empfehlen.

Vor- und Nachteile von vereinfachten Gesundheitsfragen bei Berufsunfähigkeitsversicherungen

Dennoch gibt es einige Alternativen zum üblichen Ablauf einer Gesundheitsprüfung. Diese werden teilweise kontinuierlich, teilweise aber lediglich für einen bestimmten Zeitraum angeboten. Einige Versicherer fragen nicht gezielt nach einzelnen Vorerkrankungen nach. Stattdessen wird etwa geprüft, ob bei dem potenziellen Kunden eine Behinderung oder eine verminderte Erwerbsfähigkeit vorliegt und ob er in den letzten fünf Jahren länger als vier Monate in Behandlung verbracht hat. Andere Versicherer wiederum sind nur an den Erkrankungen der vergangenen 12 Monate interessiert.

Der Haken bei solchen Angeboten ist, dass sie häufig nur für Menschen angeboten werden, die deutlich unter 40 Jahre alt sind. Es betrifft also Personen, die durchschnittlich gesünder sind als ältere Menschen, welche eigentlich stärker auf einen Versicherungsschutz angewiesen wären. Eine weitere Einschränkung liegt in der möglichen Versicherungssumme – so beträgt die Jahresrente nach einer Berufsunfähigkeit in etwa 9.000 bis 12.000 Euro, also maximal 1.000 Euro pro Monat. Im Gegensatz zu einem konventionellen Katalog der Gesundheitsfragen ist hier jedoch die Chance höher, die Leistungen im Zweifelsfall auch ausbezahlt zu bekommen – denn das Risiko einer vorvertragliche Anzeigepflichtverletzung fällt deutlich geringer aus.

Vorsicht vor Abzockfallen

Achtung:

Vereinzelte „Schwarze Schafe“ der Branche möchten jedoch von der Notlage der Verbraucher profitieren, indem sie die Versicherung im Rahmen eines Geschäftsbesorgungsvertrages und damit ohne entsprechende Maklerhaftung für mehr als 700 Euro Provision verkaufen. Aufgrund von solchen Abzockfallen ist generelle Vorsicht geboten.

Welche Alternativen zur Berufsunfähigkeitsversicherung gibt es?

Mann im Rollstuhl ist berufsunfähigSie sollten sich auf der Suche nach einer Alternative zur Berufsunfähigkeit keinen Illusionen hingeben. Bei manchen Vorerkrankungen oder Stationsaufenthalten werden Sie höchstwahrscheinlich bei keinem Versicherer fündig. Bei einen Großteil der psychischen Erkrankungen oder beispielsweise Tinnitus stehen die Chancen schlecht, bei schweren Erkrankungen wie Drogenproblemen, Schlaganfall oder Herzinfarkt ist ein Abschluss nahezu ausgeschlossen. Wenn Sie nicht an solchen Erkrankungen leiden, können Ihnen diese Alternativangebote weiterhelfen, welche die Stiftung Warentest empfiehlt:

  • Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung kommt dem Berufsunfähigkeitsschutz nahe. Der Unterschied besteht darin, dass die berufsunfähige Person nur dann ihre vertragliche vereinbarte Rente kassiert, wenn sie kaum noch dazu im Stande ist, zu arbeiten. Meistens sind jedoch noch bis zu drei Stunden tägliche Arbeitszeit gestattet. Der ausgeübte Beruf ist für eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung nebensächlich.
  • Eine Dread-Disease oder auch eine Versicherung für schwere Krankheiten hilft, wenn Sie einen gravierenden Unfall erleiden oder körperlichen Einschränkungen. Jedoch muss die Krankheit oder das (Unfall)ereignis genau im Vertrag verankert sein. Versichert werden können etwa Herzinfarkt, Schlag­anfall, bestimmte Krebs­erkrankungen oder der Sprachverlust. Ob Sie trotz der Einschränkung noch arbeiten können, ist hierbei unerheblich.
  • Ähnlich ist die private Unfallversicherung, die dann zum Tragen kommt, wenn durch einen Unfall für einen Zeitraum von mindestens drei Jahren eine körperliche Beeinträchtigung entsteht.
  • Auch mit einer Grundfähigkeitsversicherung kann der Verlust von Fähigkeiten (Gehen, Sehen, Sprechen) durch Unfälle oder Krankheiten abgesichert werden. Die monatliche Rente wird unabhängig davon gezahlt, wieso die Fähigkeiten eingebüßt wurden oder ob der Versicherte weiterhin arbeiten kann. Diese Versicherung wird jedoch sehr streng gehandhabt. So wird der Betrag nur ausgezahlt, wenn die Fähigkeiten mindestens 12 Monate und nahezu vollständig verloren gehen.
  • Noch neuer auf dem Markt ist die Funktionsvaliditätsversicherung. Sie kombiniert einzelne Leistungen aus der Unfall-, Grundfähigkeits- sowie Dread-Disease und weist daher einen vergrößerten Schutz auf. Auch hier wird bei bestimmten Krankheiten und Unfällen eine vereinbarte Summe ausbezahlt, dazu ist auch die Pflegebedürftigkeit mit abgedeckt. Der Nachteil: Der Schweregrad für die Krankheit ist genau vorgegeben, erst dann zahlt der Versicherer. Und das in der Regel nur, wenn die körperlichen Beeinträchtigungen gravierend, das heißt von Dauer und unheilbar sind.

Nur 20% haben eine BU-Versicherung

Mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung kann die eigene Arbeitskraft versichert und damit das Risiko einer Invalidität abgesichert werden. Doch lediglich etwas mehr als jeder fünfte Deutschen hat bislang eine Erwerbs- oder Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen, dabei gehört die BU-Versicherung zu den sinnvollsten. Bei den Besserverdienern ist es nicht mal jeder Zweite! Vor allem Frauen sind deutlich seltener auf den Worst Case vorbereitet als die Männer.

Die fehlende Bereitschaft zur Absicherung liegt zum Teil daran, dass sich insbesondere junge Leute nur wenig Gedanken über ihre weit entfernte Zukunft machen. Dabei muss mindestens jeder Vierte schon vor dem Erreichen des Rentenalters aus seinem Beruf ausschieden. In diesem Fall reicht die gesetzliche Sozialrente häufig nicht aus, um die finanzielle Existenz zu sichern.

Einige Verbraucher können sich eine Versicherung der Berufsunfähigkeit schlichtweg nicht leisten, da die Berufsunfähigkeitsversicherung zu teuer ist. Zu einem nicht unerheblichen Teil hängt es aber auch davon ab, dass vielen der Versicherungsschutz verwehrt wird. Selbst wer eine Berufsunfähigkeitsversicherung erhält, muss häufig Risikozuschläge oder Leistungsausschlüsse hinnehmen. Denn in einer Stichprobe mit 409 Testern der Stiftung Warentest lief nur jeder vierte Versicherungsabschluss ohne Einschränkungen, die Hälfte der Tester scheiterten mit ihren Anträgen auf einen Berufsunfähigkeitsschutz vollkommen.

Fazit zur Berufsfähigkeit ohne Gesundheitsfragen

Der Abschluss einer Berufsunfähigkeit ohne Gesundheitsfragen ist ein Mythos. Nur ein bereits bestehender Vertrag kann mithilfe einer Nachversicherungsgarantie ohne eine erneute Prüfung geändert werden. Es gibt jedoch Versicherungen mit einem stark vereinfachten Fragenkatalog. Allerdings sind diese zumeist für eine junge Zielgruppe ausgelegt und bieten eine vergleichsweise geringe Rente. Darüber hinaus gibt es alternative Versicherungen wie etwa eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung oder eine private Unfallversicherung. Der Nachteil bei solchen Angeboten besteht darin, dass sie keinen Rundumschutz gegen Invalidität bieten, sondern nur selektive Risiken absichern. Zwar ist ein solcher Schutz bei gravierenden körperlichen Beeinträchtigungen existentiell wichtig, jedoch verursachen psychische Erkrankungen wie Depressionen oder vermeintlich kleinere Krankheiten wie Rückenleiden viel häufiger eine berufliche Zwangspause oder gar das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben. Dennoch gilt: Eine teilweise Versicherung ist für den Verbraucher besser als keine.

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